Spurensuche eines Ahnungslosen

Als ich höre, dass die tolle Band BANDA COMUNALE ein großes Open Air auf dem Postplatz spielt, bin ich sofort begeistert: es ist klar, das möchte ich natürlich erleben. Wann gibt es schon Mal ein OpenAir mitten im Januar?

Ich freue mich auf „lateinamerikanische Cumbias, dreckigen Rock and Roll, Funk, rumänische Coceks und Orientalisches aus hundertundzehn Fingern und elf Hälsen.“ Klasse, denke ich, so muss das sein – Bierzelt Blasmusik trifft auf die Rhythmen des Balkans, auf das Temperament von Südamerika. Ich packe mir einen Besen ein, weil das scheinbar irgendwie zur Show gehört, ziehe eine Warnweste an, denn dies ist definitiv sicherer, wenn man im Dunkeln durch die Nacht radelt. Als ich vor dem Postplatz ankomme wundere ich mich: Hinter einer undurchlässigen Kette von Polizeiautos laufen Menschen mit Schnurrbärten und Deutschlandfahnen. Ich erwische mich, wie ich daran zweifle, dass es hier tatsächlich bald jene interkulturelle Collage geben soll, mit der sich BANDA COMUNALE ankündigte. Doch dann sehe ich ein Plakat, auf dem Angela Merkel mit Kopftuch zu sehen ist. Ich atme auf, hier geht es also doch um interkulturelle –oder neumodisch: transkulturelle- Begegnung und ich muss unweigerlich an das Kopftuch meiner Großmutter denken, ohne welches sie nie aus dem Haus ging. Unterdessen nehme ich an jenem merkwürdig skurrilen Ritual teil, welches sich seit einiger Zeit unweit von mir abspielt und schwenke meinen Besen – wie mit einem Nudelholz drohend – in die Richtung der Deutschlandfahnen. Die Menge skandiert SAY IT LOUD, SAY IT CLEAR; REFUGEES ARE WELCOME HERE; – Komisch denke ich, das ist doch selbstverständlich. Aber ich freue mich, dass hier dennoch so viele Menschen sind, um es noch einmal zu betonen. Die getragenen Deutschlandfahnen sollen wohl offensichtlich symbolisieren, dass mit dieser Flagge nicht mehr irgendein sinnloser nationaler oder europäische Nationalismus verbunden wird, sondern dass Europa wohl endlich seine Mauern öffnen soll (symbolisiert durch die Polizeikette) und allen Flüchtlingen und Migranten einen Ort der Zuflucht bieten soll. Auch ich rufe nun REFUGEES ARE WELCOME HERE; Super, denke ich – was für ein Zeichen, vor dem Hintergrund der vielen Tausend Toten im Mittelmeer, was für ein Zeichen angesichts der Tatsache, dass wenige Flugstunden von uns entfernt einen ganzes Land den Bach runtergeht. Erstmals bin ich stolz, auf die Fahnenträger mit ihrem Mut für das Ungewisse, zum Öffnen der Grenzen, für ihren Mut zur Gastfreundschaft. Erstmals bin ich stolz auf Dresden, auf Sachsen, auf Europa, welches nach den Anschlägen in Paris offenbar zurecht nicht glaubt, dass man Terrorismus mit Ausgrenzung des Islams, mit dem Schließen der Grenzen bekämpfen könnte; Ich denke an Immanuel Kants Schrift „Zum Ewigen Frieden“ und überlege kurz, ob wir in einem Punkt der Kant‘schen Friedenskonzeption vielleicht heute ein Stück weiter gekommen sind. In der allgemeinen Hospitalität aller Länder für jedes Volk; Meine Deutung wird schließlich bestätigt – als alle Fahnenträger vorne weg gegangen sind, ertönt auf einer Bühne auf der anderen Seite des Postplatz eine Rede, die über Weltoffenheit, Gastfreundschaftlichkeit und Willkommenskultur handelt. Schließlich erklingt spanische Musik. Tausende Besen tanzen in der Luft, junge Leute tanzen: ich auch. Wir folgen den Visionären mit der Deutschlandfahne. Auch dies eindeutig eine bedeutsames Symbol. Deutschland geht vorweg: ich überlege, ob ich unsere Nationalflagge unter dem Vorzeichen dieser deutlich fortschrittlichen Tendenzen vielleicht doch wieder als ein auch mir wichtiges Symbol anerkennen könnte. Im flotten Schritt geht es durch die vor Wohlstand strotzenden Einkaufsstraßen; Merkwürdig ist nur, dass auf der Abschlusskundgebung, als es dann zu BANDA COMUANALE richtig rund geht, von den Deutschlandfahnen nichts mehr zu sehen ist. Dafür werden es immer mehr Besen, man spricht von über 5000; Und das Beste ist, nächsten Montag soll das Ganze wiederholt werden; Ich bin dabei, und Du?

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